Ein verliebter Tierarzt auf dem Lande

Eine Schwärmerei und wie meine Großmutter im Krieg Seife kochte

„Wir hatten nichts!“

Selbst im harten Alltag des zweiten Weltkriegs konnten sich hinter vordergründig alltäglichen Dingen, durchaus kleine interessante Geschichten verbergen, ganz besonders dann, wenn sie nicht mehr selbstverständlich waren, weil sie für die Waffenproduktion gebraucht wurden. Wir hören immer wieder: „Wir hatten nichts!“, denn alles war rationiert oder war einfach nicht erhältlich. Heute geht es um Seife und was sich da so ganz nebenbei noch darum herum rankte. Mit Seife meine ich welche für die Körperhygiene, zum Wäsche waschen und zum Putzen.

Eine Schwärmerei die hilfreich war

Und eine der Erinnerungen von meiner Tante Jo über die Zeit in Lippborg war diese: Dort auf einer Wiese nahe des Ortes, hatte der Vater ihrer Mutter, ein Grundstück und darauf eine Baracke für ihre Eltern und die drei Geschwister errichten lassen. Denn die Familie war bereits in Münster und dann in Borken mehrmals ausgebombt worden.

Erstaunlich oft schaute der Tierarzt der Gegend bei meiner Großmutter vorbei. Meine Tante war damals ca. sieben Jahre alt und wunderte sich sehr, denn sie hatten außer den Hühnern eigentlich gar keine Tiere. Doch sie merkte, dass da immer eine Art Verehrung vom Tier-Doktor ausging, denn ihre Mutter war eindeutig eine klassische Schönheit, wie man damals sagte. Aber sie war verheiratet und da mein Opa ein schwaches Herz hatte, war dieser nicht als Soldat an die Front geschickt worden und somit mehr oder weniger dauernd anwesend. Da mit den Hühnern alles in bester Ordnung war, suchte und fand der Veterinär Gründe, um dennoch regelmässig vorbei zu schauen: Er brachte Knochen von verendeten Tieren mit, aus denen meine Großmutter Seife kochen konnte und er nahm die kleine Jo und seinen Sohn in seinem Auto mit, wenn er über Land zu den einzelnen Höfen fuhr, um dort nach den tatsächlich erkrankten Tieren zu sehen. Tante Jo erinnert sich gerne daran aber darüber gibt es einen Extra-Beitrag.

Der Veterinär durfte sein Auto seinerzeit behalten, da er durch die medizinische Versorgung dazu beitrug, dass die Fleisch- und Milchproduktion aufrecht erhalten blieb. Mein Großvater hingegen musste seinen Wagen abgeben. Aber das ist eine andere Geschichte.

Knochen und Asche

In meiner Vorstellung habe ich eigentlich nie Knochen und Asche in Verbindung mit Seife oder Waschmittel gebracht. Erst als ich mich vor vielen Jahren mit der Herstellung von Seife beschäftigt habe, bin ich auf das sehr aufwändige Prozedere des Seifensiedens gestoßen. Was heute eher irritierend klingt, war damals pures Gold. Denn natürlich gab es in den Mangeljahren des Krieges auch keine Seife. Und Knochen bedeuteten Fett. Aus heutiger Sicht, wo wir Seife aus feinen veganen Blöcken gießen, klingt das unvorstellbar. Aber wie genau funktionierte dieses „Upcycling“ damals in einer staubigen Baracke?

Der Aufwand von Stunden und Tagen? Ein echter Knochenjob!

Wenn ich wunderbar duftende Seife selbst herstelle, brauche ich dafür ein paar Stunden und es ist auch überhaupt nicht anstrengend. Eigentlich verbringe ich die meiste Zeit damit zu warten, bis die Seifenmasse, die ich im Internet bestellt habe, geschmolzen ist, dann füge ich Farbe und Duft hinzu und gieße sie in wunderschöne Silikon-Formen. Danach heißt es bis zum nächsten Tag zu warten, bis alles ausgehärtet ist und ich das Ergebnis bequem in Händen halte. Damals war das Seifensieden ein tagelanger, kräftezehrender Prozess. Man brauchte dazu Asche, Knochen und Wasser.

Zur Herstellung von ca. einem Kilogramm fester Kernseife werden etwa 700-750 g Knochenfett, 1 kg Hartholzasche, 3 Liter Wasser und 150-200 g Salz benötigt.

Tag 1: Die übrig gebliebene Asche vom Heizen und kochen – die Küche war der einzige Raum in der Baracke, der durch den Kohle-Herd beheizbar war, wurde in ein Tuch oder ein Sieb gegeben und mit kochendem Wasser übergossen. Die Flüssigkeit, die unten heraustropfte, war eine stark alkalische Lauge (Pottasche-Lauge). Das dauerte schon mal eine ganze Zeit. Um zu testen, ob die Lauge stark genug war, nutzte man einen Trick: Blieb ein frisches Hühnerei oder eine Kartoffel darin an der Oberfläche und sank nicht zu Boden, war die Konzentration richtig.

Tag 2: Das Auskochen (ca. 6–12 Stunden): Die Tierknochen mussten zuerst mühsam zertrümmert werden, um an das Mark zu gelangen. Danach wurden sie stundenlang in einem riesigen Kessel über offenem Feuer ausgekocht. Das Fett löste sich und schwamm oben auf. Knochen, je nachdem ob normale oder Markknochen bestehen aus ca. 10 – 15 % Fett. Das bedeutet, ca. 7 Kilo Knochen werden gebraucht, um die nötigen 750 Gramm Fett für ein Kilo Seife zu erhalten. An dieser Stelle frage ich mich, ob der findige Tierarzt die Knochen in einem großen Sack vorbei brachte oder sich eher für portionierte Lieferungen entschied, um öfter die Gelegenheit zu haben, vorbeizuschauen.

Der Kessel mit den ausgekochten Knochen musste über Nacht komplett auskühlen. Erst am nächsten Morgen war das Fett an der Oberfläche zu einer harten, weißen Platte erstarrt, die man sauber abheben konnte.

Tag 3: Das Seifensieden (ca. 4–6 Stunden): Das gewonnene Fett wurde erneut geschmolzen und mit der selbst hergestellter Lauge aus Holzasche stundenlang unter ständigem Rühren gekocht, bis die chemische Verseifung einsetzte.

Gestank und Ekel

Knochenfett von Tierkadavern, das stundenlang kocht – man mag sich den Geruch in und um die Baracke herum kaum vorstellen. Überhaupt würde man doch niemals Seife mit schrecklichem Gestank in Verbindung bringen. Es roch ranzig, extrem streng und nach Tod. Um diesen beißenden Gestank irgendwie zu überdecken, nutzte meine Großmutter alles, was die Natur auf dem Land hergab:

  • Heimische Kräuter wie Rainfarn, Kamille, Schafgarbe oder Pfefferminze, die sie selbst gesammelt hatte, wurden großzügig in die kochende Masse geworfen.
  • Fichtennadeln oder Harz wurden mitgekocht, um der Seife einen waldigen, frischeren Geruch zu geben.

Improvisierte Formen: Was war da?

Silikonformen aus dem Internet gab es natürlich nicht. Nach dem „Aussalzen“ (dem Trennen der festen Seife von der Flüssigkeit mittels Kochsalz, aber auch Salz war knapp) musste die Masse schnell in Formen gegossen werden. Und auch hier waren Alternativen gefragt.

Nicht in Formen gegossen und ausgehärtet wurde Schmierseife: Aus Holzasche entsteht chemisch bedingt zunächst weiche Schmierseife. Diese wurde direkt in Töpfen oder Kübeln gelagert und zum Putzen oder Waschen genutzt.
Kernseife: Wollte sie feste Stücke haben, musste sie Kochsalz (sofern vorhanden) in die kochende Masse geben („Aussalzen“). Fett und Natrium verbanden sich und es bildet sich eine Flockenmasse, die oben schwimmt und mit einer Kelle abgeschöpft werden und zum Aushärten in eine Form gegeben werden kann. Den Unterschied merkte man erst durch den Trockenprozess. Aber was hatte sie damals wohl an Formen für die zukünftige Seife zur Verfügung?

  • Einfache Holzbretter: Vom Nachbarbauern hatte sie sich einfache und flache Kästchen aus alten Holzresten geben lassen. Denn damals lieh man sich diese Dinge auch untereinander. Die Form wurde mit einem feuchten Tuch ausgelegt, damit man die ausgehärtete Masse später auch wieder aus der Form heraus bekommt, die Seife hineingegossen und nach dem Erhärten am nächsten Tag in Stücke geschnitten.
  • Schüsseln und Bleche: Alte Emaille-Schüsseln, Backbleche oder sogar ausgewaschene Konservendosen dienten als Form. Nach dem Trocknen wurden die Blöcke mit einem Draht oder einem scharfen Messer in handliche Stücke portioniert.

Die pflanzlichen Alternativen

Aber es gab und gibt sie heute noch andere Alternativen: Saponine in bestimmten Pflanzenarten:

  • Rosskastanien: (keine anderen Kastanien): Im Herbst wurden Kastanien gesammelt, geschält (damit die Wäsche weiß bleibt), zerkleinert und getrocknet. Das Pulver schäumt in Verbindung mit Wasser wunderbar und wäscht die Wäsche sauber.
  • Walnussschalen: Die Schalen von Walnüssen, auch heute bekannt und in Bioläden erhältlich: als Waschnüsse. Man kochte sie einfach aus und nutzte den Sud als flüssiges Waschmittel.
  • Efeu: Efeublätter: (vor allem die älteren dunkleren Blätter enthalten die meisten Saponine) sind im Gegensatz zu Kastanien schwach giftig (sie reizen den Magen-Darm-Trakt heftig). Zum Waschen der Kleidung ist das völlig unbedenklich, aber man musste eben aufpassen, dass Kinder die Blätter nicht in den Mund steckten.

Das Säckchen mit dem Efeu oder den verkleinerten Kastanien wurde damals einfach direkt in das heiße Wasser im Zuber geworfen und die Wäsche dann kräftig von Hand durchgeknetet oder über das geriffelte Waschbrett gerieben.

Warum gab es kein Waschpulver im Krieg?

Gab es denn damals kein Waschpulver zu kaufen? Doch, theoretisch schon. Aber die Realität war ein Albtraum. Bekannte Marken wie Persil wurden von den Nationalsozialisten verboten. Jedes Gramm echtes Fett war streng rationiert: Es gehörte entweder auf den Teller der hungernden Bevölkerung oder in die Rüstungsindustrie. Denn aus Fett wird bei der Seifenherstellung Glycerin abgespalten – und daraus baute das Militär Nitroglycerin für Sprengstoffe und Munition. Gewaschen wurde im Krieg also sprichwörtlich mit der Munition von morgen.

Als Ersatz gab es nur das staatliche „Reichs-Einheitswaschmittel“. Dieses Pulver bestand fast gar nicht aus Fett, sondern wurde mit billigen Füllstoffen wie Ton, Soda und echtem Sand gestreckt. Es schäumte nicht, hatte keine Waschkraft und ruinierte durch die rauen Sandpartikel die Kleidung auf dem Waschbrett komplett. Das Pulverpaket wurde mit einer Waschfibel gegen eine Reichsseifenkarte ausgehändigt. Es lohnt sich, einen Blick auf diese Fibel zu werfen:: Klick!

Seife war aus guten Gründen früher sehr teuer und wertvoll und wurde gerne zu Weihnachten oder zum Geburtstag verschenkt. Da ein Kilo Seife für den täglichen Gebrauch für eine fünfköpfige Familie nicht ewig reichte, hat meine Großmutter vermutlich das kostbare Gut nicht zum Tauschen sondern nur zum Eigenbedarf verwendet.

Wenn ich heute meine duftenden Seifenblöcke verarbeite um sie später an liebe Freunde zu verschenken, muss ich an sie denken: Wie sie vielleicht mit dem Handrücken, eine Haarsträhne von der verschwitzten Stirn strich, ein kleines Lächeln auf den Lippen hatte und stolz ihren gerade hergestellten Seifenvorrat betrachtete. Oder wie vielleicht auch mein Opa ganz zufrieden in sich hineingrinste, da die Schönheit seiner Frau in dieser Zeit dazu beitrug, die einfachsten Dinge des Alltags irgendwie zu beschaffen und herzustellen.

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