Die Psychologie des Überlebens: Wie ein Buch im Januar 1943 das Leben meiner Tante dauerhaft prägte

In meinem Familienroman, an dem ich gerade schreibe, geht es um die großen Linien des Lebens. Doch manche Episoden sind psychologisch und historisch so dicht, dass sie in der epischen Breite eines Romans untergehen würden. Sie brauchen einen eigenen Platz – wie hier auf meinem Blog.

Es ist die Geschichte meiner Tante Jo, geboren im Februar 1935, und die eines vergessenen Buches. Wenn man ihr heute zuhört, spürt man, wie klar sie sich an die traumatischen Erlebnisse im Krieg erinnert. Doch war sie noch zu klein, um alles politisch und historisch einzuordnen. Hier helfen mir heute Belege wie ihr Schulzeugnis und der Todestag meines Urgroßvaters. Es ist eine Geschichte, die in einem verdunkelten Krankenhauszimmer im tiefsten Kriegswinter begann und zeigt, wie das einsame Drama eines Kindes sich auf erschütternde Weise mit der kollektiven Psyche eines ganzen Landes, das sich auf dem Weg in den Untergang befand, verzahnte.

Es geht um Leben und Tod

Wir schrieben den Januar 1943. In einer Spezialklinik im kriegsgebeutelten Bochum lag ein kleines Mädchen im Sterben. Meine Tante Jo war zu diesem Zeitpunkt gerade einmal sieben, fast acht Jahre alt. Nachdem Münster nahezu zerbombt worden war, war die Familie in die Heimatstadt der Mutter nach Borken geflohen, doch im Winter bekam die kleine Jo eine schwere, lebensbedrohliche Mittelohrentzündung. Der Borkener Arzt wusste nicht mehr weiter. Als absoluter Notfall wurde sie zur renommierten Bochumer Klinik zum HNO-Spezialisten Dr. Benölken gebracht.

Penicillin war keine Option

Penicillin war damals in der Medizin zwar längst entdeckt, doch mitten im fünften Kriegsjahr sorgten die gnadenlose Mangelwirtschaft und die politische und wirtschaftliche Isolation des Deutschen Reiches dafür, dass eine industrielle Massenproduktion von Antibiotika für die Zivilbevölkerung völlig utopisch war. Ohne diesen medizinischen Segen war die Diagnose für ein Kind oft ein Todesurteil.

Tante Jos Zustand war so kritisch, dass die Ärzte kaum noch Hoffnung hatten. Man erteilte dem fiebernden Kind bereits die letzte Ölung.

Um ihr Leben in dieser medizinischen Sackgasse im letzten Moment zu retten, blieb Dr. Benölken nur ein radikaler Schritt: Er musste ihr den Knochen hinter dem Ohr operativ aufmeißeln, damit der Eiter mechanisch ablaufen konnte. Ein extrem schmerzhafter Eingriff, der Spuren hinterließ – meine Tante war nach dieser Geschichte zeitlebens auf diesem Ohr schwerhörig. Doch die Operation verhinderte das Schlimmste: Die Entzündung sollte unter keinen Umständen das Gehirn erreichen. Der bürokratische Beleg für diesen langanhaltenden Kampf um ihre Gesundheit existiert bis heute: In ihrem Schulzeugnis des Jahres 1942/43 wurden 155 entschuldigte Fehlstunden dokumentiert.

Isoliert in diesem Krankenzimmer kämpfte sie in einer Zwischenwelt aus Schmerz und Fieber – die Familie weit entfernt. Was sie nicht ahnen konnte: In genau diesen schweren Wochen brach auch dort die Welt ein Stück weiter zusammen. Ihr geliebter Großvater war am 8. Januar 1943 gestorben. Um sie zu schonen, verschwieg ihr die Familie den Verlust.

Der schwere Weg eines ungewissen Krankenbesuchs

Erst wenn man die nackte Realität dieses Kriegs-Winters entschlüsselt, versteht man, welche ungeheure logistische und emotionale Leistung hinter dem Besuch ihres Vaters im Krankenhaus stand. Seinen Firmenwagen, einen dunkelblauen Wanderer, hatte er längst für Kriegszwecke abtreten müssen.

Meinem Großvater blieb für den knapp 55 Kilometer langen Landweg über die Schienen der Reichsbahn von Borken nach Bochum nur der Zug. Zivile Fahrten waren in diesem Stadium des Krieges extrem rationiert und gefährlich. Inmitten all der Sorgen saß er irgendwann in diesen Januartagen in einem unpünktlichen, ungeheizten Zug voller Soldaten auf dem Weg an die Front. Er nahm diese Odyssee auf sich, schmuggelte sich in das Bochumer Krankenhaus und stellte sich schließlich schweigend, wie es seine Art war, an das Bett des fiebernden Kindes. Wann genau dieser Besuch stattfand, lässt sich heute aus den Erinnerungen nicht mehr genau rekonstruieren. Einzig meine Tante ist sich sicher: Er muss da gewesen sein.

Er weckte sie im Krankenhaus nicht, um sie in ihrem kritischen Zustand zu schonen. Nur ein Buch ließ er ihr als stummes Zeichen der Hoffnung auf den Nachttisch. Wie unendlich schwer muss es ihm in diesem Moment gefallen sein, seine sterbenskranke Tochter wieder zu verlassen? Während er auf das Gesicht seiner fiebernden Erstgeborenen blickte, tickte im Hintergrund unbarmherzig die Uhr der Reichsbahn. Inmitten des eisigen Winters lief er Gefahr, den letzten, unzuverlässigen Zug zurück nach Borken zu verpassen. Hätte er diesen verpasst, wäre er gestrandet – in einer Zeit, in der zu Hause die Beerdigung seines Schwiegervaters organisiert werden musste und die Familie ihn brauchte. Zerrissen zwischen dem Wunsch am Krankenbett zu verharren und der Verantwortung in Borken, musste er zurück in die Kälte des Bahnhofs eilen.

Das bittere Erwachen und die heilsame Botschaft

Und dann geschah das Wunder: Tante Jo überstand die gesundheitliche Krise und das Fieber ging zurück. Doch der Moment des Erwachens war von einer tiefen, fast unerträglichen Enttäuschung geprägt. Als sie die Augen aufschlug, war der Raum leer. Kein vertrautes Gesicht, das sie anlächelte. Nur auf ihrem Nachttisch lag dieses gebrauchte Buch, das vorher nicht da gewesen war. Ihr war damals sicherlich selbst nicht klar, wie sehr ihr Leben auf der Kippe gestanden hatte.

Und sie begriff sofort: Sie war nicht allein gewesen. Jemand hatte sie besucht – und sie war in ihrem Herzen fest davon überzeugt, dass es ihr Vater gewesen sein musste. Die schmerzhafte Erkenntnis, dass ihr einziger Fels in der Brandung an ihrem Bett gestanden hatte, während sie schlief, und nun schon wieder weg war, brach über sie herein. Sie hatte den Besuch ihres Vaters nicht mitbekommen. Wie gerne hätte sie in sein liebes Gesicht gesehen und ein paar Worte mit ihm gewechselt. Sie hätte wissen wollen, wie es ihrer Mutter und ihren Geschwistern und allen anderen in der Familie ging. In der extremen Isolation des Krankenzimmers weinte das kleine Mädchen bitterlich über diesen verpassten Moment der Nähe und die unerträgliche Einsamkeit.

Doch dann entdeckte sie das Buch. Wer meine Tante kennt, weiß, dass ihr nichts entgeht. Schon die kleinste Veränderung fällt ihr auf.

Schrift-Chaos im 3. Reich

Meine Tante war zu diesem Zeitpunkt noch nicht einmal acht Jahre alt. Sie war ein Kind im zweiten Schuljahr, entwurzelt durch die Ausbombung. Und sie war Opfer eines historischen Schrift-Chaos, das durch die widersprüchliche Kulturpolitik des Regimes ausgelöst worden war: In den 1930er-Jahren hatten die Nationalsozialisten die alte Frakturschrift noch als einzig wahre „deutsche Volksschrift“ manisch gefördert. Genau mit dieser Schrift und der traditionellen Sütterlin-Schreibschrift war meine Tante zu Ostern 1941 auch eingeschult worden.

Doch mitten im laufenden Schuljahr, am 3. Januar 1941, vollzog Hitler mit dem sogenannten „Normalschrifterlass“ eine radikale Kehrtwende, verbot die deutsche Schrift von heute auf morgen und erfand die absurde Begründung, es handele sich dabei in Wahrheit um „Schwabacher Judenlettern“. Der wahre, rein pragmatische Grund für diesen plötzlichen Switch war jedoch der Krieg und das Ausland: In den besetzten Gebieten und im Ausland konnte schlichtweg niemand die deutschen Befehle, Zeitungen und Propagandaschriften in Fraktur lesen. Für das angestrebte globale „Weltreich“ brauchten die Nazis eine Schrift, die international verstanden wurde. Wenige Monate später, am 1. September 1941, wurde die Umstellung an den Schulen dann endgültig durchgeführt und die Kinder mitten im Jahr auf die lateinische Antiqua-Schrift umerzogen.

Aber die Psychologie eines Kindes funktioniert in Extremsituationen anders. Bevor sie überhaupt wusste, wovon die Geschichte handelte und wie schwer es sein würde, sie zu lesen, besaß dieses Buch für sie bereits eine absolute Heiligkeit. Es war kein bloßer Gegenstand; Für sie bedeutete es die Gegenwart ihres Vaters und in diesem Moment die Welt. Weil sie den Besuch ihres Vaters in ihren Fieberträumen verpasst hatte, nahm sie das Geschenk todernst. Mit einer für ein Kind, das gerade aus einem Todeskampf erwacht war, fast unheimlichen Willenskraft begann sie, sich Buchstabe für Buchstabe durch die fremden Frakturzeichen zu beißen. Sie wollte es lesen. Sie musste wissen, was ihr Vater ihr vermitteln wollte, denn ihr war schon damals klar, dass es für ihn nicht einfach gewesen war, dies Buch zu ergattern.

Das Buch als heilsame Botschaft

Das Buch trug den Titel „Trutz Kämpfer. Geschichte eines jungen Lebens“ von Gertrud Walde, erschienen um 1925. Es war zwangsläufig aus zweiter Hand, denn mitten im totalen Krieg war der Druck neuer ziviler Bücher wegen der Papierknappheit fast vollständig verboten; der gesamte Buchmarkt verlagerte sich auf gebrauchte Literatur. Um Wucher zu verhindern, erließ das Regime strenge Höchstpreisverordnungen für Antiquariate. Ein Buch, das 1925 neu stolze 5,50 Reichsmark gekostet hatte (den damaligen Gegenwert von ca. 15 Kilo Brot), wechselte im Januar 1943 gebraucht für staatlich reglementierte 1,50 bis 2,00 Reichsmark den Besitzer.

Geld war in der Kriegswirtschaft ohnehin fast wertlos – der wahre Preis war der väterliche Aufwand, in dieser dunklen Stunde gezielt nach einer Geschichte zu suchen, die seiner Tochter das Leben erhalten sollte.

Wie er also tatsächlich an das Buch geriet, ist reine Spekulation. Vielleicht hatte ein treuer Kunde oder Verwandter von dem Drama um die sterbenskranke Tochter gehört und dieses längst vergriffene Buch als Mutmacher mitgebracht. Ich konnte ein Exemplar davon vor ein paar Jahren antiquarisch bestellen. Das Originalbuch liegt immer noch bei meiner Tante auf dem Nachttisch.

Was meine Tante aus diesem Geschenk herauslas, wurde zu einem faszinierenden Phänomen der Resilienzpsychologie, das man heute als Bibliotherapie bezeichnet: Die Fiktion greift heilend und stützend in eine traumatische Realität ein. Hinter dem Titel verbarg sich nämlich ein genialer literarischer Kunstgriff der Autorin: Kämpfer war der tatsächliche Nachname des im Buch beschriebenen Professors – und Trutz (abgeleitet vom altdeutschen Wort für Trotz, Schutz und Widerstandskraft) war der Vorname seiner Tochter. Gertrud Walde wählte diese Kombination ganz bewusst als psychologisches Gesamtkonzept. Das Mädchen hieß Trutz Kämpfer. Der Nachname definiert ihre Herkunft, das Blut des Vaters. (Übrigens hat meine Tante auch nach ihrer Heirat ihren Mädchennamen behalten.) Der Vorname beschreibt ihre Haltung. Zusammengefügt wird dieser Name zu einer unteilbaren Identität des Widerstands gegen das Schicksal.

Gelesen wie ein deutlicher, väterlicher Imperativ, wurde der Buchtitel für meine Tante zur existenziellen Botschaft an sie: Trutz, Kämpfer! Stell dich dem Tod entgegen. Gib nicht auf. Sie adoptierte die Identität der Hauptfigur und leistete dem Tod entschieden Widerstand. Der Inhalt zementierte ein überhöhtes, fast sakrales Vaterbild, das ihr ganzes Leben prägen sollte. So konnte meine Tante Krebs, den Tod von zwei ihrer vier Kinder und einen Herzinfarkt überstehen.

Das bleierne Schweigen des Landes und das Ticken der Uhr

Das persönliche, stumme Weinen eines kleinen Mädchens im Bochumer Krankenhaus spiegelte in diesen Januartagen exakt die kollektive Psyche des ganzen Landes wider. Es war der eisige Winter, in dem sich an der Ostfront die größte Katastrophe der Wehrmacht vollendete: die Einkesselung und Vernichtung der 6. Armee in Stalingrad. Am 8. Januar 1943 (dem Todestag meines Urgroßvaters) forderte die Rote Armee die Deutschen offiziell zur Kapitulation auf – Hitler lehnte ab, das Massensterben im Kessel dauerte bis zur totalen Niederlage am 2. Februar an.

Stille Panik breitete sich aus

Die Nachricht brach wie ein Schock über die Heimatfront herein. Zum ersten Mal begriff die Bevölkerung schlagartig, dass der Mythos der absoluten Unbesiegbarkeit der eigenen Truppen endgültig zertrümmert war. Das NS-Regime wusste nahezu zeitgleich um diesen moralischen Zusammenbruch. Denn über das gigantische Spionagesystem „Meldungen aus dem Reich“ hörten Angehörige des Sicherheitsdienst (SD) und der SS heimlich in Bäckereien, Friseursalons und Zügen aufmerksam mit. Im Januar 1943 schlugen die Agentenberichte Alarm: Die Menschen verstummen. Wo Monate zuvor sich in den Warteschlangen noch lebhaft unterhalten worden war, starrten die Frauen nun stumm auf den Boden. Eine bleierne, depressive Ruhe lähmte das Land und das alarmierte die Staatsmacht.

Verbotene Feldpost auf Umwegen

Dieses Schweigen speiste sich auch aus der illegalen Feldpost. Trotz der offiziellen Postsperre schmuggelten Soldaten über Verwundete die mit den letzten Transportmaschinen evakuiert wurden, Briefe nach Hause. Unter dem Küchentisch lasen die Familien die grausamen Zeilen: „Wir verhungern, wir werden hier sinnlos geopfert.“ Die Mundpropaganda verbreitete sich wie ein Lauffeuer, brach den Glauben an den „Endsieg“ und trieb die Menschen massenhaft in die Kirchen, um Kerzen anzuzünden – ein stummer, kollektiver Akt der Verzweiflung.

Um diese grassierende Panik vor der sowjetischen Rache in blinden Durchhaltewillen umzukehren, sollte Goebbels nur wenig später, am 18. Februar 1943, im Berliner Sportpalast den „Totalen Krieg“ ausrufen. Doch während die Menschen im Januar schutzsuchend in die Kirchen strömten, lief im Hintergrund bereits unbarmherzig die Uhr für den Widerstand eines ganz besonderen Verwandten ab.

Vom Gottesdienst ins KZ

Der Großonkel, den meine Tante als sie zwischen drei und fünf Jahre alt war, bei seinen Besuchen in Münster noch persönlich kennengelernt hatte, war der Benediktinerpater Dr. Gregor Schwake. Seine Heimatabtei Gerleve im Münsterland war schon 1941 von den Nazis im „Klostersturm“ gewaltsam geschlossen worden. Mit einem Aufenthaltsverbot für seine westfälische Heimat belegt, wirkte er fortan im Süden des Reiches als reisender Kirchenmusiker. Er hielt keine flammenden politischen Reden; es reichte ein ganz normaler, zutiefst christlicher Satz in einem Gottesdienst im monumentalen Dom zu Linz.

Am 6. Oktober 1943 leitete er dort eine Choralwoche. Als die Gemeinde das lateinische Gloria anstimmte, hielt er inne. Bei den Worten „Tu solus Dominus“ wandte er sich an die Menschen im Kirchenschiff und sprach laut aus, was für jeden Gläubigen ein unerschütterliches Fundament ist: „Der Herr allein ist der Allmächtige.“

Doch im totalitären NS-Staat war dieser Satz eine offene Kriegserklärung, weil er dem „Führer“ die absolute Allmacht absprach. In den hinteren Bänken des Doms saß ein V-Mann des Sicherheitsdienstes und protokollierte jedes Wort mit. Direkt nach dem Ende des Gottesdienstes, als Pater Gregor (bürgerlicher Name Theodor Schwake) die Kirche durch das große Hauptportal verlassen wollte, schlug die Falle zu. Er wurde noch am Kircheneingang, vor den Augen der entsetzten Gemeinde, von der Gestapo festgesetzt und abgeführt. Mehr darüber findest du in meinem Blogpost über ihn: Klick!

Danach mahlten die bürokratischen Mühlen des Terrors im Hintergrund weiter. Während Pater Gregor wochenlang im Linzer Gefängnis saß, wurde seine Akte nach Berlin geschickt. Es dauerte bis zum 18. Dezember 1943, bis das Reichssicherheitshauptamt den offiziellen Schutzhaftbefehl ausfertigte – das Dokument, das seine Deportation in den berüchtigten Pfarrerblock des Konzentrationslagers Dachau besiegelte. Seine traumatischen Erlebnisse verarbeitete er später in seinem bewegenden Buch „Mönch hinter Stacheldraht – Erinnerungen an das KZ Dachau“.

Epilog: Das Echo im Hier und Jetzt

Während ich diese Zeilen (Pfingsten 2026) für meinen Blog tippe, schreibt mir mein Cousin, ein Großneffe von Pater Gregor: „Wir kommen gerade aus St. Lambertus in Donsbrüggen bei Kleve, wo ich mit dem Klever Chor nochmal die Dachauer Messe mitsingen durfte.“ Dort war Augustin Wibbelt 30 Jahre Pastor. Dieser war ein Großonkel von Pater Gregor.

Genau in diesem Moment schließt sich der Kreis. Während Pater Gregor damals nach seiner Festnahme am Kircheneingang schließlich im September 1944 unter Lebensgefahr auf unrechtmäßig abgezweitem Papier im KZ Dachau seine berühmte „Dachauer Messe“ komponierte, singt heute sein Großneffe genau diese Lieder in der Heimatregion des Paters. Die Dachauer Messe ist beispielsweise bei Spotify zu hören: Klick!

Wer meine Tante heute mit ihren über 90 Jahren von ihrem Vater erzählen hört, spürt sofort, dass diese bedingungslose Loyalität und Bewunderung ihre Keimzelle genau dort hat: in jenem verdunkelten Bochumer Krankenhauszimmer im Januar 1943, in den Tränen über den verpassten Besuch, dem kollektiven Verstummen einer sterbenden Epoche, den vergilbten Seiten eines alten Buches aus der Weimarer Republik in Fraktur-Schrift, die eigentlich viel zu schwer für sie war – und im unerschütterlichen Geist eines Großonkels, dessen Lieder bis heute gesungen werden.

Das ist die Kyrie der Dachauer Messe von Dr. Gregor Schwake, die er im KZ-Dachau auf „organisiertem“ Papier und unter denkbar erschwerten Bedingungen komponiert hat. Sie wurde dort auch uraufgeführt. Heute am Pfingstsonntag 2026 hat mein Großcousin im Chor in der Gemeinde St. Lambertus in Dornsbrüggen mitgesungen. Er hat mir netterweise seine Handy-Aufnahme zur Verfügung gestellt.

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