Entfernte Verwandte – Teil 2: Sulamith Wülfing

Einer der von Sulamith Wülfing bemalten Teller der bayerischen Porzellanmanufaktur Königszelt Bayern, der bei mir gut sichtbar zu Hause steht.

Sulamith Wülfing – Eine mögliche Verwandte und vergessene Künstlerin

Bei meinen Recherchen zur Familiengeschichte bin ich auf einen Namen gestoßen, der mich nicht mehr losgelassen hat: Sulamith Wülfing. Über den Nachnamen könnte eine Verwandtschaft bestehen – und was für eine faszinierende Persönlichkeit sich hinter diesem Namen verbirgt!

Eine Künstlerin zwischen zwei Welten

Sulamith Wülfing wurde am 11. Januar 1901 in Elberfeld geboren und verstarb am 20. März 1989 in Wuppertal. Schon als Kind besaß sie eine außergewöhnliche Gabe: Sie hatte Visionen von Engeln, Feen, Gnomen und Naturgeistern und begann bereits im Alter von vier Jahren, diese Wesen zu zeichnen. Diese mystischen Erfahrungen sollten ihr Leben lang andauern und ihre Kunst unmittelbar inspirieren.

Die ersten Lebensjahre verbrachte sie in einer isolierten, fast märchenhaften Umgebung. Ihr Vater Carl war Postmeister, aber seine wahren Leidenschaften galten religiösen und mystischen Themen, der Botanik und theosophischem Gedankengut. Diese spirituelle Atmosphäre prägte Sulamith zutiefst.

1905 wurde ihre Schwester Hedwig geboren. Die Beziehung zwischen den beiden Schwestern war nicht einfach – ihre Charaktere waren sehr unterschiedlich. Beide kämpften um die Liebe und Aufmerksamkeit ihrer Eltern, wobei die jüngere Hedwig eine sehr ungestüme Wesensart hatte, während Sulamith in ihrer eigenen visionären Welt lebte.

Der künstlerische Weg

Schon als Schülerin zeigte sich Sulamiths außergewöhnliches Talent. Mit 16 Jahren galt sie als zeichnerisches Wunderkind mit einem außergewöhnlichen Raumgefühl – sie konnte Perspektiven erfassen, die anderen verborgen blieben. Der damalige Museumsdirektor Professor Friedrich Fries bescheinigte ihr großes Talent und eine außergewöhnlich reiche Einbildungskraft. Er riet den Eltern sogar davon ab, ihr einen Zeichenlehrer zu suchen: Man solle sie in Ruhe lassen und ihr keinen fremden Stil aufprägen.

1917 begann sie ihr Studium an der Handwerker- und Kunstgewerbeschule Elberfeld, wo sie ihren späteren Ehemann Otto Schulze kennenlernte – den Sohn des Schuldirektors Otto Schulze-Köln. Otto sollte nicht nur ihr Lebenspartner werden, sondern auch ihr Manager und ihre größte Unterstützung.

1929 gründete das Paar den Selbstverlag Sulamith Wülfing, der später in Sulamith Wülfing-Verlag umbenannt wurde. Ihre zarten, aquarellierten Bleistiftzeichnungen zeigten eine feenhafte, mystische Welt voller Engel, Blumen, Nymphen, Zwerge und Riesen. Diese Werke wurden als Kalender, Postkarten und Plakate vermarktet und fanden international großen Anklang.

Eine Künstlerin im Herzen des Volkes

Ihre Kunst war in jenen Jahren allgegenwärtig im deutschen Alltag. Ihre Engel-Postkarten wurden zu Taufen, Kommunionen und Firmungen verschenkt. Man hängte ihre Engel Neugeborenen über die Wiege und gab sie Verstorbenen mit in den Sarg. Sogar deutsche Soldaten trugen ihre Postkarten wie einen Talisman im Tornister – als Schutz, als Hoffnung, als Verbindung zu einer anderen, besseren Welt. Ihre Kunst war tief im Leben der Menschen verwurzelt, begleitete sie in den wichtigsten Momenten ihres Daseins.

Die dunklen Jahre

Doch dann kam die dunkelste Zeit ihres Lebens. Die Nationalsozialisten brandmarkten ihre Kunst als „entartet“. In Königsberg wurden ihre Bildmappen und Postkarten öffentlich verbrannt. Die nationalsozialistische Presse veröffentlichte vernichtende Kritiken. Abgesandte von Joseph Goebbels forderten sie auf, keine Engel, Madonnen oder märchenhafte Motive mehr zu malen. Sie weigerte sich.

Die Flucht ins Elsass

Doch zunächst musste sie einen schrecklichen Schicksalsschlag verkraften: 1932 wurde sie schwanger und heiratete Otto Schulze. Die Geburt verlief tragisch – selbst ein Kaiserschnitt konnte das Kind nicht retten. Der kleine Karl war tot. Vier Jahre später, 1936, kam dann endlich ihr Sohn Otto zur Welt, der das Glück und die Kreativität ins Haus zurückbrachte.

Nach schweren Bombardierungen Wuppertals 1943 beschloss Sulamith mit ihrer Mutter und ihrem Sohn Otto, die Stadt zu verlassen. Sie bestiegen den erstbesten Zug nach Westen – das Ziel war zunächst das rheinhessische Weingut Burg Layen, dann ging es weiter ins Elsass nach Gebweiler (französisch: Guebwiller).

Dort bei ihrer langjährigen Brieffreundin Elfriede Raeder sollte sie eine sichere Zuflucht finden. Doch als sich 1945 der Krieg dem Ende zuneigte und der Sieg der Alliierten im Elsass längst feststand, richtete sich der Hass der befreiten Franzosen zunehmend gegen die Deutschen. In diesen gefährlichen Blickfang geriet nun Sulamith. Sie wurde von französischen Behörden verhaftet – man verdächtigte sie, eine Spionin zu sein. Ihre Zeichnungen wurden beschlagnahmt, man vermutete verschlüsselte Botschaften darin. Sie wurde in eine verliesartige ehemalige Klosterzelle gesperrt und tagelang verhört.

In einem dieser endlosen Verhöre geschah etwas Bemerkenswertes: Als ihr Peiniger sie anschrie „Was ist die Wahrheit?“, antwortete sie mit einem Zitat des indischen Philosophen Jiddu Krishnamurti: „Die Wahrheit ist ein pfadloses Land.“ Der Verhörende stockte und fragte sie, ob sie Krishnamurti kenne. Die Begegnung mit Jiddu Krishnamurti war für Sulamith prägend gewesen. Was genau dann in diesem Moment geschah, ist nicht überliefert – aber sie überlebte die Haft und wurde nicht hingerichtet. Vielleicht rettete ihr die gemeinsame spirituelle Verbindung das Leben.

Ein wundersames Wiedersehen

Man hatte ihr mitgeteilt, ihr Mann sei gefallen und ihr Haus in Wuppertal zerbombt. Als sie nach Kriegsende dennoch in ihre Heimatstadt zurückkehrte, erlebte sie ein Wunder: Das Haus stand noch, das Hausmädchen öffnete die Tür – und ihr totgeglaubter Mann lebte und war ebenfalls zurückgekehrt.

Das späte Werk und das Vermächtnis

Die Kriegserfahrungen und die Verfolgung durch die Nazis hatten tiefe Spuren hinterlassen. Waren ihre frühen Arbeiten noch märchenhaft-verspielt, hielten in späteren Jahren Melancholie und Tod in die Bilder der zurückgezogen lebenden Künstlerin Einzug. Doch ihre Kunst behielt stets jene spirituelle Dimension, die sie auszeichnete. Nach dem Krieg arbeitete auch ihr Sohn Otto im Verlag mit.

1976 starb ihr geliebter Ehemann Otto Schulze, der über Jahrzehnte hinweg ihr größter Förderer und Manager gewesen war. Dieser Verlust traf sie schwer. Nach und nach wurde der Verlag in einen Amsterdamer Verlag (V.O.C.) überführt, der später die Rechte an Wülfings Werken an den deutschen Aquamarin Verlag verkaufte. Sulamith lebte noch weitere 13 Jahre ohne ihren Mann, bis zu ihrem eigenen Tod am 20. März 1989 im Alter von 88 Jahren. Die letzten Jahre ihres Lebens verbrachte sie zurückgezogen in ihrem Haus in Wuppertal-Hahnerberg.

Ihr Nachbar, Herr Knibbel (mit bürgerlichem Namen Markert), der die Familie Wülfing seit seiner Kindheit kannte, bekam nach Sulamiths Tod von ihrem Sohn Otto einige Erinnerungsstücke geschenkt – darunter antike Keramiken, Kunstkarten und Kalender. In seinem Keller richtete er ein kleines privates Museum ein, das er liebevoll mit Gegenständen der Familie Wülfing ausstattete. Das Haus selbst stand viele Jahre leer und wurde erst vor wenigen Jahren verkauft und umgebaut. So zumindest wird es überliefert. Ich bin mir nicht ganz sicher, wie es wirklich war.

Interessanterweise wurde Sulamith Wülfing in ihrer Heimatstadt lange Zeit vergessen – sie wurde sogar als „die vergessene Tochter der Stadt“ bezeichnet. Im Ausland, besonders in den USA, war sie hingegen bekannter. Die Sängerin Stevie Nicks ließ sich von Wülfings Kunst für das Cover ihres 1983er Albums „The Wild Heart“ inspirieren – im Album-Credit wird Sulamith Wülfing ausdrücklich als „Album Cover Inspiration“ genannt. Nicks hat Wülfings Werke als Inspiration für viele ihrer Songs genannt und ihre Kunst wurde auch bei Konzerten gezeigt. Auch Pete Sinfield von King Crimson verwendete eines ihrer Gemälde für sein Soloalbum.

Bis ins hohe Alter blieb Sulamith künstlerisch aktiv. Beispielsweise produzierte die bayerische Porzellanmanufaktur Königszelt Bayern über Jahre hinweg Sammelteller mit ihren zarten Engel- und Märchenmotiven in limitierter Auflage – darunter eine beliebte Weihnachtsserie von 1985 bis 1992 sowie Muttertagsteller und die Serie „Frauenliebe und Leben“. Diese Porzellanteller wurden zu begehrten Sammlerstücken und trugen dazu bei, dass ihre Kunst auch im häuslichen Alltag vieler Menschen präsent blieb.

Heute gibt der Aquamarin Verlag in Grafing bei München weiterhin jährlich Engel-Kalender mit Wülfings Motiven heraus und hält so ihr künstlerisches Erbe lebendig. Erst 2021, zu ihrem 120. Geburtstag, wurde ihr mit einer großen Ausstellung wieder gedacht. In den Solinger Güterhallen zeigte die Galeristin Yvette Endrijautzki die Ausstellung „Die vergessene Tochter der Stadt“, bei der über 25 internationale Künstler aus Deutschland, Österreich, den USA, Iran, Mexiko und den Philippinen Werke präsentierten, die von Wülfing inspiriert waren. Die Ausstellung sollte dazu beitragen, diese außergewöhnliche Künstlerin wieder ins Bewusstsein zu rufen.

Heute erinnert in Wuppertal-Elberfeld nahe dem Uni-Campus Freudenberg eine Straße an diese außergewöhnliche Künstlerin. Ihre Grabstätte befindet sich auf dem reformierten Friedhof Hochstraße in Wuppertal, wo auch ihr Ehemann und ihr Sohn Otto ihre letzte Ruhe fanden.

Eine mögliche Verbindung

Auf Sulamith Wülfing bin ich nicht zufällig gestoßen. Meine Tante – die ältere Schwester meiner Mutter – erinnert sich noch heute daran, wie sie als Kind bei ihren Eltern zu Hause ein Buch mit Bildern von Sulamith Wülfing entdeckte. Sie war fasziniert von diesen zarten Engelsbildern, diesen ätherischen Gestalten in Pastelltönen. Als sie ihre Mutter – meine Oma – danach fragte, bekam sie zur Antwort: „Das ist eine Verwandte von uns.“

Ob meine Oma das aufgrund der Verwandschaft mit den Wülfings aus Borken annahm oder ob sie tatsächlich von einer familiären Verbindung wusste, kann ich heute nicht mehr klären. Meine Oma lebt schon lange nicht mehr, und sie wäre die perfekte Quelle gewesen – sie kannte die Familienverhältnisse und Verwandtschaftsgrade oft bis in die entferntesten Verzweigungen. Dieses Wissen mit ihr gegangen.

Seither versuche ich, über Stammbäume und Genealogie-Plattformen wie MyHeritage die Verbindung zwischen den Wülfings aus dem Raum Borken – dort kommt meine mütterliche Familie her – und den Wülfings aus Elberfeld nachzuvollziehen. Bisher ohne eindeutigen Erfolg. Doch selbst wenn die Blutsverwandtschaft sich nicht bestätigen sollte – ihre Geschichte hat mich tief berührt. Eine Frau, die ihrer künstlerischen Vision treu blieb, auch als das Regime ihr verbot, das zu malen, was sie sah. Eine Überlebende, die durch all die Dunkelheit hindurch das Licht in ihren Bildern nie verlor.

Ihre Engelsfiguren, so zart und transparent gemalt, wirken wie Boten aus einer anderen Welt – vielleicht aus jener Welt, die nur sie sehen konnte.

Anmerkung zu den Bildern: Aus urheberrechtlichen Gründen habe ich in diesem Beitrag keine Originalwerke von Sulamith Wülfing eingefügt – die Rechte an ihrer Kunst liegen beim Aquamarin Verlag. Aber ich kann euch nur ermutigen, selbst nach ihren Bildern zu suchen! Ihre zarten Aquarelle mit den ätherischen Engeln, Feen und Naturgeistern sind von einer überwältigenden Schönheit. Eine Bildsuche nach „Sulamith Wülfing“ lohnt sich wirklich – lasst euch verzaubern von dieser einzigartigen, mystischen Welt, die sie zeit ihres Lebens sehen konnte und für uns alle sichtbar gemacht hat.

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