
World Space Week
Heute, am 4. Oktober, beginnt die World Space Week – die internationale Weltraumwoche, die jedes Jahr vom 4. bis 10. Oktober stattfindet. Diese Daten sind nicht zufällig gewählt: Am 4. Oktober 1957 startete mit Sputnik 1 der erste Satellit ins All – der Beginn des Raumfahrtzeitalters. Am 10. Oktober 1967 trat der Weltraumvertrag in Kraft, der die friedliche Nutzung des Alls regelt.
Sputnik & Co.
Doch der Weg ins All begann nicht im Frieden, sondern im Zweiten Weltkrieg. Die Technik, die später Satelliten wie Sputnik 1 möglich machte, wurde in Deutschland zunächst für die ersten Langstreckenraketen V1 und gegen Ende des Krieges, die V2 entwickelt Die folgende Geschichte zeigt, wie eng Waffenproduktion und die Vision von Raumfahrt damals miteinander verflochten waren.
Außergewöhnliche Bewoher
Tessa verbrachte ihre Kindheit und Jugend in einem ganz besonderen Haus. Das Haus selbst hatte keine abgefahrene Geschichte aber die Menschen, die dort vor Tessa lebten, schon. Gerade heute, während der World Space Week, darüber zu schreiben, hat einen besonderen Grund. Denn in diesem Haus lebte einst Helmut Gröttrup mit seiner Frau und den Kindern, bis zur Scheidung. Danach blieb Irmgard Gröttrup dort wohnen, bis ihr das Haus zu groß wurde. Sie verkaufte es, teilte das Grundstück und baute an ihr ursprüngliches Haus einen Bungalow an. So kam es, dass die Familie von Tessa eine enge Nachbarschaft mit Frau Gröttrup pflegte. Damals hätte niemand geahnt, was diese Frau in ihrem Leben bereits alles erlebt und durchgestanden hatte.
Die V2-Rakete
Ihr Mann Helmut Gröttrup war einer der Ingenieure der V2-Rakete in Peenemünde – als Assisten von Wernher von Braun. Bevor Irmgard Mutter wurde, arbeitete auch sie als Zeichnerin im Team mit. Eigentlich interessierten sich die meisten von ihnen mehr für Raumfahrt als für Waffen. Wann immer es möglich war, versuchten die Entwickler der V2, heimlich mit der Forschung voran zu kommen, die später Menschen ins All und auf den Mond bringen würde. Doch das NS-Regime zwang sie dazu, an der V2 Rakete mit Hochdruck zu arbeiten. Der Druck wurde gegen Kriegsende immer größer. Schließlich unterstellte man den Ingenieuren sogar Sabotage, weil Hitler die Fortschritte für zu langsam hielt. Helmut Gröttrup und andere Kollegen kamen daraufhin sogar in Haft.
Flucht aus der Haft
Während die Frontlinie der Alliierten immer näher rückte, begannen die Nazis, Gefangene zu verlegen – teils durch Todesmärsche, teils in Bussen, Lastwagen oder Zügen. Auf einem solchen Transport gelang Helmut die Flucht, indem er eine unübersichtliche Situation für sich zu nutzen wusste. Er beschaffte sich ein kleines Reiseradio, um stets die Frontbewegungen verfolgen zu können. Er wollte vermeiden, auf feindliche Truppen zu stoßen und so in Kriegsgefangenschaft zu geraten. Auf diese Weise schaffte er es, sich einen sicheren Weg nach Hause zu bahnen und zu seiner Frau und den Kindern zurückzukehren.
Der Wettlauf zum Mond beginnt
Nach dem Krieg begann ein seltsamer Konkurrenzkampf: Die beiden Supermächte USA und UDSSR suchten fieberhaft nach deutschen Ingenieuren. Sie hatten nicht nur Fachwissen und waren diszipliniert und zuverlässig, sondern hielten auch einen technischen Vorsprung. Der kam nicht von ungefähr – er war mit dem Blut und Vermögen anderer erkauft. Hitlers Regime hatte jüdische Deutsche enteignet und die Gelder in Forschung und Waffen gesteckt. Allein in Peenemünde waren Tausende Zwangsarbeiter bis aufs Äußerste ausgebeutet worden. Das verschaffte den deutschen Ingenieuren einen Wissensvorsprung, der sie für die Supermächte so interessant machte.
Rekruter für die Herrschaft im All
Die Amerikaner waren als Erste da. Sie schickten regelrecht Headhunter durch Deutschland, um Ingenieure aufzuspüren und für die USA zu gewinnen. Wernher von Braun ging diesen Weg. Für Helmut Gröttrup war das keine Option: Die USA erlaubten den Ingenieuren damals nicht, ihre Familien mitzunehmen. Für Irmgard Gröttrup war klar: „Ich bleibe nicht allein mit den Kindern im zerstörten Deutschland zurück.“ Also lehnte Helmut ab.
Vom Kriegsschaden zur Ressource
Alle beteiligten Länder waren vom Krieg schwer getroffen, hatten enorme Verluste und kaum Ressourcen. Trotzdem wollte man nehmen, was man kriegen konnte – auch als Ersatz für die vielen Verluste. Die Sowjets richteten deshalb zunächst eine provisorische Forschungsstation ein, um überhaupt zu prüfen, ob sich die Arbeit mit den deutschen Ingenieuren lohnen würde. Denn es ging nicht nur um einzelne Köpfe: ganze Gruppen von Wissenschaftlern samt ihren Familien wurden mitgenommen, dazu Maschinen und technisches Gerät.
Das bedeutete gewaltige Transporte über riesige Entfernungen – durch ein Russland, das damals flächenmäßig noch größer war als heute. Bevor man also alles verlagerte, musste getestet werden, ob das Wissen und die Arbeitsergebnisse tatsächlich einen Gewinn bringen würden. Erst danach lohnte es sich, die ganze Masse von Menschen und Material ins sowjetische Hinterland zu verfrachten.
Operation Ossawakim – Wissenschaftler als Kriegsbeute
Kurze Zeit später meldeten sich die Sowjets. Sie boten Bedingungen, die zunächst akzeptabler wirkten: Die Arbeit sollte in Deutschland stattfinden, im sowjetischen Sektor, bei Bleicherode/Nordhausen. Dort entstand ein provisorisches Forschungszentrum. Doch im Oktober 1946 kam die große Nacht-und-Nebel-Aktion „Operation Ossawakim“: Rund 2.500 deutsche Spezialisten samt Familien wurden heimlich in die UdSSR gebracht. Auch die Gröttrups waren darunter. Über diese geheime Aktion gibt es einen Dokumentarfilm „Stalins deutsche Elite“ auf Arte: Klick!
Gorodomlja – eine merkwürdige Gefangenschaft
Auf Gorodomlja, einer kleinen Insel im Seligersee, lebten sie in einer abgeschotteten Welt. Privilegiert gegenüber dem hungernden Nachkriegsdeutschland – die Familien hatten Wohnungen, Schulen für die Kinder, sogar Kühe für Milch, die die energische Irmgard mit in den Zug in die Gegend weit hinter Moskau hatte mittransportieren lassen – und zugleich Gefangene, streng bewacht von sowjetischen Soldaten. Helmut arbeitete an Raketenprojekten, allerdings ohne vollen Einblick. Die Deutschen lieferten Konzepte, die Umsetzung lag bei den Sowjets. Mehr darüber zum Nachlesen: Werner Albring: Gorodomlia – Deutsche Raketenforscher in Rußland
Ein aufschlussreiches Tagebuch
Irmgard Gröttrup führte während dieser Jahre Tagebuch. Ihr Bericht ist bis heute eine einzigartige Quelle über das Leben zwischen Forschung, Isolation und dem Versuch, für die Kinder Normalität zu bewahren. Als Buch im Verlag Deutsche Hausbücherei Hamburg erschienen: Irmgard Gröttrup: „Die Besessenen und die Mächtigen“
Der lange Weg zurück in den Westen
1950 endete die Zeit auf der Insel. Die Familien wurden zurückgebracht – doch nicht in den Westen, sondern zunächst in die Sowjetische Besatzungszone. Bald gelang es den Gröttrups, nach Westdeutschland zu wechseln. Dort wurden als mögliche Spione verdächtigt. Das erschwerte einen Neuanfang zusätzlich.
Von der Rakete über die Raumfahrt bis zum bargeldlosen Zahlungsverkehr
Schließlich ließen sie sich im besagten Haus in Pforzheim nieder, in dem Tessa später ihre Kindheit und Jugend verbringen sollte. Von Peenemünde über Gefängnishaft und Flucht, von geheimen Deportationen bis zu den Schatten des Kalten Krieges – all das lag in der Biographie der ehemaligen Bewohner. Erst rückblickend wird sichtbar, wie nah die große Weltpolitik manchmal an die eigenen Kindheitserinnerungen rückt. Mehr über die Gröttrups zum Nachlesen: Alfred Schmidt: Gröttrup und das Universum der erfinderischen Zwerge. Helmut Gröttrup haben wir auch die Chipkarte und den bargeldlosen Zahlungsverkehr zu verdanken.
Historische Einordnung: Vorboten des Kalten Krieges
Nach dem Krieg galt die klare Prämisse der Alliierten: Nie wieder Krieg von deutschem Boden. Dazu gehörte auch das ausdrückliche Verbot, Waffen auf deutschem Territorium zu entwickeln oder zu produzieren. Genau deshalb war die weitere Raketenarbeit der Sowjets in Bleicherode und Nordhausen von Anfang an eine heikle Angelegenheit. Dass deutsche Ingenieure dort unter sowjetischer Aufsicht wieder an der Entwicklung von Raketen saßen, stand im Widerspruch zu den Abmachungen und weckte Misstrauen – nicht nur bei den Westmächten.
Eine dauerhafte Forschung auf deutschem Boden hätte zudem die Gefahr erhöht, dass Ergebnisse leichter ausgespäht oder Informationen nach außen getragen werden konnten. Mit der Verlagerung nach Gorodomlja schufen die Sowjets daher nicht nur eine Zone maximaler Kontrolle, sondern setzten auch ein politisches Signal: Die sensible Raketenarbeit fand nun tief im eigenen Territorium statt, abgeschirmt von neugierigen Blicken und jeglicher Einflussnahme. In der Rückschau zeigt sich darin deutlich eine Vorahnung des Kalten Krieges – das Ringen um Technologie, Macht und Kontrolle begann lange, bevor dieser offiziell ausgerufen wurde.

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