
Tessa kann sich nur zu gut an die ewig lange Mittagszeit bei ihren Großeltern mütterlicherseits erinnern. Es gab immer pünktlich um 12 Uhr Mittagessen und danach war bis 15 Uhr Mittagsruhe. In dieser Zeit musste man leise sein und am besten still sitzen, möglichst mit flachem Atem. Bleierne Langeweile über Stunden, ganz gleich bei welchem Wetter, weil der Opa Mittagsschlaf halten wollte und ihn niemand dabei stören durfte.
Wenn Opa schläft in süßer Ruh, dann bleiben alle Türen zu!“
Sprichwort aus dem Hause Westphal
Aber dem Bewegungsverbot ging schon beim Mittagessen ein Redeverbot voraus. Tessas Opa wollte per se keine Unterhaltung bei den Mahlzeiten und mit dem Essen durfte auch nicht getrödelt werden. Das bedeutete, alles, was man vom todlangweiligen Vormittag hätte berichten können, war in keiner Weise von Interesse. Damit das Essen schnell über die Bühne lief, legte der Opa seinen Enkeln einen Pfennig – nicht einmal einen Groschen hin – und wer zuerst mit seinem Mittagessen fertig war, bekam diesen.
Ein Spiel, das Tessa und ihr Bruder Stefan mitmachten, es aber nicht wirklich verstanden, denn es war dazu gedacht, sich die Kleinen so weit wie möglich vom Halse zu halten. Wie sehr mochte der alte Mann damals die Besuche seiner Enkel aus Pforzheim gefürchtet haben, wenn sie in den Sommerferien für eine ganze Weile ihre unausweichlichen Besuche machten, weil seine Frau Zeit mit ihren Enkeln verbringen wollte.
Immerhin brachte sie der kleinen Tessa in der Mittagszeit und der tödlichen Langeweile das Stricken und das Häkeln bei. Aber sonst wurde nichts – rein gar nichts – mit den Geschwistern unternommen. Sie hatten weder ihre Spielsachen noch Freunde von zu Hause zur Verfügung. Noch heute kann Tessa fühlen, wie unlebendig das alles war, obwohl nie ein lautes Wort fiel und es auch nie Streit gab.
Verzweifelt begann sie jedes Buch, das sie zu fassen bekam, zu lesen und diese zur Not auch noch zwei oder drei Mal, weil er einfach nicht viel zu lesen gab. Zum Glück hatte Tessa im alten Spielkeller des Hauses noch Bücher ihrer Tante und Mutter entdeckt. So las sie alle Bände von „Försters Pucki“ und „Nesthäkchen“. Aber davon mehr an anderer Stelle: Klick!
Für ein lebhaftes Kind die reine Folter und Computerspiele gab es damals noch nicht. Aber auch diese wären ihr wahrscheinlich als Teufelszeug verboten worden. Sogar hatte ihre Großmutter wegen der schlimmen Schimpfwörter den Fernseher abgestellt als sie „Madita“ von Astrid Lindgren sah. Bis heute noch für Tessa unerklärlich und unfassbar wie bedrückend eingeschränkt die Aufenthalte dort waren. Nie wurde etwas unternommen. Es war zum Mäusemelken.
Ganz anders auf der Vater-Seite. Dort wurde immer gestritten und zwar lautstark. Wegen allem! Alles diente dabei als Anlass, um auszurasten und das dann auch noch extrem laut und anhaltend. Schimpftiraden im oberen Dezibelbereich donnerten täglich und auch nachts durchs Haus. Es gab kein Halten. Sämtliche Verhaltensweisen, um die ständig drohenden Eskalationen zu vermeiden, versagten. Egal, was man tat oder tunlichst vermied, es gab immer Anlass zur Explosion. Meistens fühlte es sich so an, als habe einem das letzte Stündlein geschlagen.
Beide Varianten führten dazu, dass es keine wirkliche Verbindung zu allen ihren Großeltern gab, denn die Beziehungen waren von strengen Regeln oder von Angst dominiert.
Tessas Mama Elisea war da anders: Liebevoll, interessiert, voller Vertrauen, nie gefährlich oder abweisend und immer fördernd und da.

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