Mein Vater war stolz drauf …

„Mein Vater war stolz drauf“, sagt Tante Jo, „wenn ich wieder einmal ein Fleißkärtchen bekommen habe.“ Immer fleißig sein, niemals da sitzen und nichts tun. Das war ganz sein Motto.

Er war Einzelgänger und verschwendete aus seiner Sicht keine Zeit damit, mit Freunden einen geselligen Abend zu verbringen oder anderen gesellschaftlichen Anlässen nachzugehen. Obwohl er Katholik war und zur Kirche ging, kam er immer erst kurz vor Anfang des Gottesdienstes, setzte sich in die letzte Bank und verließ fluchtartig das Gotteshaus, sobald der Abschluss-Choral angeschlagen wurde, um zu vermeiden, dass ihn jemand in ein Gespräch verwickeln konnte.

Auch sonst tat er alles, um die Leute schnell wieder los zu werden. So hat er die Kaffeekränzchen seiner Frau (meiner Oma), wenn sie ihm zu lange dauerten, damit beendet, dass er einfach ins Wohnzimmer ging und für ordentlich Durchzug sorgte. Alle wussten sofort, dass sie jetzt gehen sollten und brachen dann auch augenblicklich auf.

Sein Tagesablauf bestand auch an Sonntagen daraus, dass er morgens in seinen Großhandel fuhr, dort arbeitete, um dann um Punkt 12 Uhr zum Mittagessen wieder zu Hause zu sein. Nach dem Mittagsschlaf bis 15 Uhr, gab es Kaffee und Kuchen und dann ging er wieder zur Arbeit. Um 19 Uhr gab es Abendessen, um 20 Uhr Tagesschau und etwas Fernsehen, bis dann die Nachtruhe – natürlich klassisch im Nachthemd – begann. Er und meine Oma hatten schon lange getrennte Schlafzimmer aber ich glaube, am Schnarchen hat es nicht gelegen.

Wenn man also nur so rum saß, um vielleicht über irgendetwas nachzudenken oder um sich auch nur kurz auszuruhen, kam sofort die eher vorwurfsvolle statt interessierte Frage: „Hast du nichts zu tun?“

So kommt es, dass vor allem Tante Jo niemals still sitzen kann und im hohen Alter immer noch auf der Suche ist, ob es nicht doch noch irgendetwas zu erledigen gibt, und wenn es nur ein welkes Blatt an einer Pflanze oder eine falsch fallende Falte an einem Vorhang ist.

Um ihrem Vater zu zeigen, dass sie ein fleißiges Mädchen war, bemühte sie sich sehr darum, Fleißkärtchen in der Schule für besondere Leistungen zu ergattern, um sich damit seine positive Aufmerksamkeit, zumindest für einen kleinen Moment lang, zu sichern.

Ihren Vater stolz zu machen, das war immer das Ziel der kleinen Jo und ist immer noch das Bestreben von Johanna. So versucht sie jeden Tag ein Leben zu führen, das ihr Vater gut finden würde, auch wenn er schon über 40 Jahre tot ist.

Ganz anders Elisea. Sie brauchte nicht ganz so fleißig sein. Ihr fiel zwar nicht alles zu aber im Schulunterricht blieb von alleine eine ganze Menge hängen und so übertrumpfte sie ihre ältere Schwester bald, indem sie aufs Gymnasium ging und Abitur machte. Das war nicht der erste Keil der sich zwischen die Schwestern trieb.

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